• Die Heilpädagogischen Tagesgruppen

    Ein teilstationäres Angebot

    Die Heilpädagogische Tagesgruppe (nach §32 KJHG) ist ein teilstationäres Angebot, das zwischen ambulanten Hilfen und stationärer Jugendhilfe angesiedelt ist. Die Heilpädagogische Tagesgruppe wendet sich vor allem an Familien, bei denen der Verbleib eines oder mehrerer Kinder im elterlichen Haushalt gefährdet erscheint. Diese Maßnahme hat zum Ziel, Kinder und deren Familien zu unterstützen und zu fördern, damit eine drohende stationäre Jugendhilfemaßnahme verhindert werden kann.
    Die Kinder und Jugendlichen werden von Montag bis Freitag direkt nach der Schule bis 17 Uhr in der Heilpädagogischen Tagesgruppe betreut.
    Das Angebot der Heilpädagogischen Tagesgruppe umfasst das gemeinsame Mittagessen, verschiedene gruppenorientierte Verfahren, Hausaufgabenhilfe, Einzelarbeit und unterschiedliche Spielangebote. Erlebnispädagogische Aktivitäten (zum Teil mit den Familien) am Wochenende und in den Ferien ergänzen diese Jugendhilfemaßnahme. Eine intensive Elternarbeit und eine differenzierte Kooperation mit den Schulen und anderen Institutionen ermöglicht eine bedarfsorientierte Begleitung.
    Eine Rückführung aus stationärer Betreuung in die Herkunftsfamilie kann durch die Heilpädagogische Tagesgruppe unterstützt werden, da sie Eltern und Kindern die Möglichkeit bietet, in einem vorher vereinbarten Prozess schrittweise wieder mehr Verantwortung für die gemeinsame Lebensgestaltung zu übernehmen.
    Die besondere Qualität der Tagesgruppe besteht darin, dass der Klientel ein breit gefächertes und klar strukturiertes System angeboten wird, in dem die BezugspädagogInnen systemische Betrachtungsweisen mit beziehungsorientiertem Handeln und gruppenpädagogischer Praxis verbinden.
    Die Einrichtung übernimmt Teilverantwortung für die Erziehung der Kinder, orientiert an den Ressourcen der Familien. Am Anfang geht es um Entlastung des Familiensystems, im späteren Verlauf verschiebt sich der Fokus dahingehend, dass die Verantwortung Stück für Stück an die Eltern zurück gegeben wird bis auf die Hilfe in der Heilpädagogischen Tagesgruppe verzichtet werden kann. Ist eine Fortsetzung der Hilfe angezeigt, kann eine ambulante Jugendhilfemaßnahme folgen. Wenn im Verlauf der Maßnahme deutlich wird, dass die Eltern trotz intensivster Unterstützung nicht in der Lage sind, die erforderliche Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen, dann ist auch eine stationäre Jugendhilfemaßnahme nicht auszuschließen.
    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Tagesgruppe sich genau an der Schnittstelle zwischen ambulanten und stationären Hilfen bewegt. Sie ist in der Lage, auf einen intensiven Hilfebedarf bei Kindern und ihren Eltern zu reagieren und bei komplexen Problemlagen ein breites, aufeinander abgestimmtes Spektrum an Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Die Tagesgruppe zielt vorrangig darauf ab, den Verbleib der Kinder in der Familie zu sichern, die Selbstregulierung der Familie wieder herzustellen und damit eine Fremdplatzierung zu verhindern.

    Lernen in der Gruppe

    In der Heilpädagogischen Tagesgruppe werden neun Kinder und Jugendliche von drei PädagogInnen betreut. Kinder, die eine Tagesgruppe besuchen, sind oft in ihrem Lebensumfeld zu Außenseitern geworden, nehmen wenig Kontakt zu ihrer Umwelt auf oder dieser ist häufig negativ geprägt. Diese Kinder benötigen eine Gruppe als Lernfeld, in der sie sich ausprobieren und lernen können, wie man altersgemäß Kontakt aufnimmt und Konflikte adäquat bewältigt. Wichtig für die Gruppe sind Kontinuität und Verlässlichkeit und vor allem die Leitung durch die Bezugs-pädagogInnen. Voraussetzung für einen positiven Verlauf ist die Herstellung einer Lernatmosphäre, die den Kindern und Jugendlichen hilft, sich wohl zu fühlen, Vertrauen zu bilden und eine bedeutsame Beziehung zueinander aufzubauen. In einem solchen Klima werden Lernen und Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht und gefördert.
    Die Heilpädagogische Tagesgruppe bietet einen geschützten Rahmen, der es den Kindern und Jugendlichen ermöglicht, ihre Bedürfnisse zu äußern, ihre individuellen Interessen innerhalb der Gruppe zu vertreten, sich anderen gegenüber abzugrenzen, sich Gruppenentscheidungen anzupassen und diese mit zu tragen.

    Folgende Methoden werden eingesetzt, um Lernprozesse in der Gruppe anzuregen:
    Beim gemeinsamen Mittagessen erlernen die Kinder angemessene Umgangsformen, die Einhaltung von Regeln und grundlegende Verhaltensweisen bei Tisch.
    In der anschließenden täglichen Gruppenbesprechung werden die Kinder angeleitet, den Nachmittag zu strukturieren. Hier wird die Einteilung zu bestimmten Diensten besprochen, die Erledigung der Hausaufgaben wird geplant und es werden Verabredungen zum Spielen getroffen.
    Die Abschlussrunde am Nachmittag wird zur gemeinsamen Reflexion in der Gruppe genutzt. Hier kann jedes Kind überprüfen, inwieweit es seine Erwartungen und Vorstellungen umsetzen konnte.

    Einzelarbeit

    Die Einzelstunde bietet dem Kind einen geschützten Rahmen, in dem es eine verlässliche und tragfähige Beziehung zu seiner Bezugspädagogin aufbauen kann. Dadurch kann das Kind neue Erfahrungen sammeln, die wichtig sind für seine sozial-emotionale Entwicklung.
    Folgende Methoden fließen unter anderem in die Einzelstunden mit ein: Wahrnehmungsförderung, heilpädagogische Übungsbehandlung und Spieltherapie, Verhaltensmodifikation, sensorisch-integrative Förderung und musisch-kreative Angebote.
    Dabei ist es wichtig, situativ die Methode auszuwählen, die einen guten Zugang zum Kind ermöglicht. Ziel ist es, das Kind auf der Basis einer vertrauensvollen Beziehung bei der Bearbeitung seiner inneren Konflikte zu begleiten. Die für die Einzelstunde vorbehaltenen Räumlichkeiten mit der entsprechenden Ausstattung gewährleisten, dass sich das Kind und seine BezugspädagogIn aus dem Gruppengeschehen zurückziehen können. Vorher vereinbarte Regeln und klare Strukturen sind ebenfalls wichtige Bestandteile der Einzelstunde.

    Themen der Einzelstunden können hierbei sein:

    Eltern- und Familienarbeit

    Die Eltern- und Familienarbeit, die in unserer Jungendhilfeeinrichtung in der Regel von systemisch-pädagogischen ElternberaterInnen durchgeführt wird, ist neben dem sozialen Lernen in der Gruppe und der Einzelförderung der wichtigste Eckpfeiler der Tagesgruppenarbeit.
    Für den Erfolg der Arbeit ist es notwendig, die Familie als System zu be-trachten und das Kind, das die Tagesgruppe besucht, als Symptomträger einer Familienproblematik zu sehen. Entsprechend dieser Sichtweise können Veränderungen beim Kind nur dann erreicht werden, wenn auch innerhalb der Familie die Bereitschaft besteht, sich auf neue Prozesse einzulassen.
    Das Setting der Eltern- und Familienarbeit orientiert sich individuell an den Bedarfen der jeweiligen Familie. In der Regel finden 14-tägig Eltern- und Familiengespräche in der Tagesgruppe statt. Ebenso sind Hausbesuche in der Familie und Besuche der Eltern in der Tagesgruppe vorgesehen. Hierbei wird das pädagogische Handeln in der Tagesgruppe transparent gemacht und es werden Anregungen gegeben, wie neue Strukturen in die Familie übertragen werden können. Parallel dazu wird auch ein spezielles Elterntraining angeboten.
    Ziel der Eltern- und Familienarbeit ist es, den Verbleib des Kindes in der Familie zu sichern. Aus unserer Sicht ist dies nur dann möglich, wenn es der Familie gelingt, die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern in der Familie so zu gestalten, dass ein konstruktives Zusammenleben wieder möglich ist. Dies erfordert, dass alle Beteiligten ihre Verantwortung in angemessener Weise übernehmen.
    Die Eltern- und Familienarbeit bezieht sich auch auf die Familien, in denen zunächst keine Veränderungsbereitschaft erkennbar ist. Hier geht es in einem ersten Schritt darum, die Eltern für eine Zusammenarbeit zu motivieren.
    Als weitere Formen der Eltern- und Familienarbeit bieten wir Elternbesuche in einzelnen Gruppensituationen, Elternabende, Mütterfrühstücke, Familientage, angebotsübergreifende Elterntrainingsgruppen sowie Mütter- und Väterabende an.

    Schulische Förderung und Kooperation mit der Schule

    Die Zusammenarbeit mit der Schule verdient eine besondere Beachtung. Zunächst muss die Schule über die Jugendhilfemaßnahme informiert sein. Den PädagogInnen der Tagesgruppen kommt die Aufgabe zu, die jeweilige Verhaltens- und Familienproblematik, den individuellen Entwicklungsstand und den daraus resultierenden Förderbedarf des Kindes zu verdeutlichen. In gemeinsamen Kontakten mit LehrerInnen und Eltern werden gemeinsame Vorgehensweisen und Verantwortlichkeiten abgesprochen. In vielen Fällen geht es darum, durch die Reintegration des Kindes in den Klassenverband, die Lernmotivation wieder herzustellen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass dauerhafte Verhaltensveränderungen nur auf der Basis langfristiger Prozesse zu erreichen sind. Gefördert werden die Kinder und Jugendlichen durch eine tägliche, strukturierte Begleitung bei den Hausaufgaben sowie deren Kontrolle und durch die Unterstützung bei der Entwicklung einer schulischen Zukunftsperspektive.

    Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit

    Die Tagesgruppenarbeit vernetzt sich mit den verschiedensten Institutionen, um die ganzheitliche Erziehung des Kindes zu gewährleisten und zu koordinieren. Folgende Institutionen spielen als Kooperationspartner eine wichtige Rolle:

    Freizeit- und Erlebnispädagogik

    Zusätzlich zu den differenzierten, internen Angeboten der Tagesgruppe sind freizeit- bzw. erlebnispädagogische Aktivitäten Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit. Hierzu zählen die einwöchigen Sommerfreizeiten mit der gesamten Gruppe, Familienaktionstage, Ausflüge in die Natur, Besuch von Schwimmbädern, sowie die Teilnahme an externen Spiel- oder Kreativangeboten der Stadt oder Gemeinde usw.
    Ziel dieser Maßnahmen ist neben dem Erlernen von sozialer Kompetenz, dass die von uns betreuten Kinder und Jugendlichen im Kontakt mit anderen Kindern in der Umwelt ihre eigene Position finden und ein reales Bild von sich selbst entwickeln können. Der zur Verfügung gestellte Frei- und Erlebnisraum hilft, die eigene Entwicklung zu einer stabilen Persönlichkeit zu aktivieren.
    Die Familienaktionstage bieten die Möglichkeit, dass sich Eltern und Kinder außerhalb ihrer häuslichen Umgebung in einer ungezwungenen Atmosphäre mit Freude und Spaß (neu) begegnen und erleben können. Beziehungen können so neu gestaltet werden und in den Alltag positiv mit einfließen.

    Projektarbeit

    Dieser Text entstand im Rahmen einer Projektarbeit der Heilpädagogischen Tagesgruppe in Edewecht, bei der sich die Kinder und Jugendlichen im Alter von 7-13 Jahren mit dem Thema „Kinder in der Jugendhilfe” auseinander setzten.
    Das Lied wurde im November 2004 in der Heilpädagogischen Tagesgruppe gemeinsam mit den Kindern aufgenommen.

    Anhören:


    „Coole Truppe Tagesgruppe”
    Text der Zappeligen Zehn

    Hi Marc Hallo Susa, hab dich lange nicht gesehn
    Ja, sicher, weil ich jetzt doch in die Tagesgruppe geh
    Inne was? Nochmal, hab ich nich kapiert,
    Was is’ Tagesgruppe, wie is’ das passiert?
    Also Tagesgruppe is’ so was wie’n Kinderhaus
    Ach wie, dann wohnst du da?
    Nein, nein, ich penn zuhaus
    Doch ich mach die Hausaufgaben und ich esse dort
    Ach dann is’ Tagesgruppe so was wie’n Kinderhort?
    Naja, so ähnlich vielleicht schon, doch auf Dauer hat’s mehr Power
    Es ist Jugendhilfe, sind wir mal genauer!

    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht
    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht


    Jugendhilfe??? Kenn ich nich!!!
    Na, wenn du Sorgen hast zuhause und du rennst nur gegen Mauern
    Und wenn deine Eltern streiten wird der Magen dir noch flauer
    Oder in der Clique wird dir heftig zugesetzt
    und du wirst rumgehetzt, was deine Seele verletzt
    O.K. ich versteh was Jugendhilfe heißt
    Und dass du durch die Tagesgruppe weiter weißt
    Und ich hatte ne Idee jetzt gerade eben
    Vielleicht könnten wir mal locker drüber reden
    He, Marc, das tu ich schon, aber nicht mit irgendwem
    Doch in der Tagesgruppe weiß ich, dass sie mich verstehn
    Und dass mir jemand zuhört, dem es wirklich um mich geht
    Und der mit der Geschichte nicht hausieren geht
    Was denkst du denn für Sachen, das würd ich doch niemals machen
    Ich habe keine Böcke, mich mit dir zu verkrachen
    Und ich finde klasse, dass du deine Sorgen nicht versteckst
    Sondern offen drüber redest ich zoll dir Respekt

    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht
    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht

    Mensch Susa, was hast du da für ‘ne Chance bekommen
    Mein Bruder hätt im Nu was für in Kauf genommen
    Hätt er seinerzeit als es ihm richtig dreckig ging
    Und in der Gosse hing so’n Jugendhilfeding
    Gehabt, dann wär er sicher nicht so abgesackt
    Und hätte vielleicht sogar noch die Schule gepackt
    Du Marc, das überrascht mich, hätt ich nie gedacht
    Dass du mir Hoffnung machst und nicht noch drüber lachst
    Ich merke echt, du hast nen tollen Charakter
    Vorher hab ich gedacht, du wärst beknackter
    Aber darüber mach dir weiter keine Sorgen
    Und lass dich mal wieder sehen, wie wär’s mit Morgen?

    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht
    Schau bei uns rein! Unsre Tagesgruppe is’ ne coole Truppe
    Wir sind dabei!
    Hier wird Spaß gemacht und niemand ausgelacht